Perfektionismus & die Angst vor Kontrollverlust
Perfektionismus & die Angst vor Kontrollverlust
Wege aus dem Hamsterrad
Das Handy ist immer dabei.
Beim Einkaufen. Beim Familienfest. Beim Grillabend mit Freunden.
Zwischendurch noch schnell den Arzttermin für die Mutter organisieren. Den Kindern schreiben. Die Schwiegereltern besuchen. Dem Kollegen versprechen, dass man sich darum kümmert. Und heute Abend ist ja auch noch Zumba.
Während andere längst Feierabend machen, geht der innere Dialog weiter:
"Das reicht noch nicht."
"Ich muss das noch fertig machen."
"Ich darf jetzt keinen Fehler machen."
Es läuft.
Zumindest von außen.
Manche Menschen verwandeln sich in wahre Organisationstalente. Kaum jemand sieht, wie anstrengend es ist, wenn man ständig versucht, alles im Griff zu behalten.
Nicht weil man es möchte.
Sondern weil der Gedanke, die Kontrolle zu verlieren, der ultimative Antreiber ist.
Das Bindeglied: Der Zwang zur Fehlerfreiheit
Für Menschen mit Perfektionismus sind Fehler keine normalen Lernschritte. Ein Fehler bedeutet: "Ich habe die Situation nicht im Griff“ Folge: Gefühl von Kontrollverlust als Beweis für das eigene Versagen.
Es geht oft gar nicht mehr darum, eine Aufgabe gut zu erledigen. Es geht darum, jeden Fehler zu vermeiden. Der Perfektionismus wird zum Schutzschild.
"Wenn ich alles perfekt mache, kann mir nichts passieren und mich niemand kritisieren."
Der Teufelskreis aus Perfektionismus und Angst
Die Ansprüche steigen immer weiter, die innere Anspannung auch. Eine Kettenreaktion beginnt:
1. Unrealistische Standards: Der Perfektionist setzt die Messlatte für sich selbst (und oft für andere) unrealistisch hoch an.
2. Steigende Angst: Da es unmöglich ist, immer alles perfekt zu machen, wächst die Angst vor dem Scheitern (die Angst vor Kontrollverlust).
3. Hyperkontrolle: Um diese Angst zu beruhigen, wird noch mehr kontrolliert (z. B. Aufgaben dreifach prüfen, keine Aufgaben delegieren, starre Routinen).
4. Erschöpfung & Enge: Die Hyperkontrolle raubt Energie und schränkt das Leben massiv ein. Die Angst vor dem Moment, in dem die Kräfte nachlassen und das System kollabiert, steigt weiter.

Die Kontrolle behalten – um jeden Preis?
Wer Angst vor Kontrollverlust hat, versucht häufig, alles im Blick zu behalten.
Das Problem ist nur:
Je mehr wir kontrollieren wollen, desto mehr Dinge entdecken wir, die sich nicht kontrollieren lassen.
Menschen verändern sich. Fehler passieren. Pläne ändern sich. Nicht jede Anstrengung führt zum gewünschten Ergebnis.
Der Versuch, all das kontrollieren zu wollen, wird irgendwann zum eigentlichen Problem.
„Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Reinhold Niebuhr
Für mich steckt in diesen wenigen Zeilen eine große Wahrheit.
Wir verschwenden unglaublich viel Energie auf Dinge, die außerhalb unseres Einflusses liegen. Muster treten auf und verstärken sich:
- Unfähigkeit zu delegieren: Aufgaben werden nicht abgegeben, weil andere sie nicht „perfekt genug“ erledigen könnten. Das führt zu chronischer Überlastung.
- Entscheidungsunfähigkeit: Aus Angst, eine falsche (nicht perfekte) Entscheidung zu treffen und die Kontrolle zu verlieren, werden Entscheidungen endlos aufgeschoben.
- Rigidität: Unvorhergesehene Planänderungen lösen extremen Stress oder Panik aus, da sie die mühsam aufgebaute Struktur durchbrechen.
Wer ständig versucht, alles unter Kontrolle zu halten, lebt irgendwann im Hamsterrad. Die Ansprüche an sich selbst (und andere) können nicht dauerhaft erfüllt werden.
Die Folge: Dauerfrust. Die Folge davon: Burnout oder Depression.
Gleichzeitig geraten genau die Bereiche aus dem Blick, die wir tatsächlich beeinflussen können:
- Wie wir mit uns selbst sprechen.
- Welche Verantwortung wirklich zu uns gehört.
- Welche Grenzen wir setzen.
- Wie wir auf schwierige Situationen reagieren.
- Wofür wir unsere Energie einsetzen.
Der psychologische Ausweg: kognitive Verhaltenstherapie
Die Angst vor Kontrollverlust und die Angst vor Ablehnung sind in der Psychologie direkte Nebenprodukte von Perfektionismus. Beide Phänomene bedingen und verstärken sich gegenseitig in einem psychologischen Teufelskreis.
Hinter dem Perfektionismus steht fast immer der gleiche Glaubenssatz:
„Ich bin nicht gut genug“ bzw. die Variante: „Ich muss perfekt sein“
Daraus entstehen weitere automatische Gedanken:
"Sonst lehnen mich andere ab." "Sonst bin ich nichts wert."
Die kognitive Verhaltenstherapie setzt genau bei diesen inneren Antreibern an.
Nicht die Kontrolle muss größer werden, sondern der Druck dahinter kleiner.
Aus dem
- „Ich muss perfekt sein" wird Schritt für Schritt „ich erledige meine Aufgaben professionell / ich strukturiere meinen Tag, erledige die nötigen Aufgaben und achte dabei auch auf mich selbst.“
- Der Selbstwert wird vom Handlungsergebnis entkoppelt: der eigene Wert als Mensch ist unabhängig von fehlerfreien Leistungen oder lückenloser Kontrolle.
- Praktische Übungen im Alltag: Bewusst kleine Fehler zulassen (z. B. eine E-Mail mit einem Tippfehler abschicken) und erleben, dass die Welt dadurch nicht untergeht.
So entsteht nach und nach die Erfahrung:
Ich kann auch dann sicher sein, wenn nicht alles perfekt ist.
Befinden Sie sich in einer solchen Situation?
Sprechen Sie mich an: Tel/WA 0176 7672 5936 oder Kontaktformular.
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Im Blog finden Sie vertiefende Impulse zu Glaubenssätzen, Perfektionismus, Angst vor Ablehnung und kognitiver Umstrukturierung.
➔ [
Zum Blog: "Echt jetzt?" ] Stichwort: Verhaltenstherapie
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